Was ist die Herrschaftssprache und welche Macht hat sie?

"Herrschaft bezeichnet eine assymetrische soziale Beziehung mit stabilisierter Verhaltenserwartung, wonach dei Anordnungen einer übergeordneten Instanz von deren Adressaten befolgt werden."
(Nohlen/ Grotz: kleines Lexikon der Politik, Lizenzausgabe BPB, 2008, Seite 211.)

In einfachen Worten ausgedrückt, die Herrschenden sind jene, die die Möglichkeit zur Prägung und Beinflussung der Sprache haben, die massenmedial verbreitet wird. Ob die Sprache in Form von Nachrichten, Werbungspots/-plakaten, politischen Debatten, Filmen, Literatur, Kunst oder in anderer Form verbreitet wird ist unerheblich. Die Form in der Sprache angewandt wird ist massgeblich dazu notwendig die soziale Welt zu konstruieren in der wir leben. Der Mensch lernt aus psychologischer Sicht betrachtet durch Nachahmung von dargebotenen Modellen (Bandura), je nach dem welche Modelle angeboten werden. Bsp.: Welche Modelle werden in den Vorabendserien des öffentlich-rechtlichen Fernsehens angeboten? Welche Sprache sprechen die Figuren in diesen Serien? Wie bestimmt die Sprache der Figuren deren Handeln und Verhalten? Achten Sie einmal darauf, stellen sie sich diese Fragen während der Rezeption...

Die Sprache der Herrschenden hat ein Merkmal, dass sie in jeder Form erkennen lässt - das Merkmal liegt im Duktus des sprachlichen Sinns, den es offenzulegen gilt. In der neoliberalen Ideologie ist es beispielsweise die Pervertierung des Begriffs der "Würde". [Artikel 1 Grungesetz : "Die Würde des Menschen ist unantastbar."]
Die ökonomisch geprägte neoliberale Herrschaftssprache pervertiert diesen Begriff der Würde in dem die Würde, die bisher mit einem humanistischen Wert an sich belegt war, durch einen monetären (ökonomischen) Wert belegt wird. Der Mensch hat nicht an sich einen Wert, sondern der Wert eines Menschen wird und kann nur aufgrund seines ökonomischen Wertes bemessen werden. Ein Beispiel: Der Wert eines Mediziner (gilt für die berufliche Schaffenszeit) wird von Versicherungen mit einem geschätzten Wert von 10 Millionen Euro veranschlagt. Wie hoch wird wohl zum Vergleich der Wert eines ungebildeten Menschen, der als Kriegsflüchtling von Afrika nach Europa unterwegs ist bemessen? Oder eine Beispiel aus dem gleichen Kulturkreis: Wie wird der Wert eines Menschen ohne Schulabschluss bemessen, taucht er in den Rentabilitätsrechnungen von Versicherungen auf? Nein, den aus diesem Menschen kann kein ökonomischer Nutzen gezogen werden, solange er nicht in der Erwerbswelt einen Platz gefunden hat.

Im bourdieuschen Sinne (zitiert aus Bourdieu, Pierre: Die verborgenen Mechanismen der Macht, VS-Verlag. 2005, Seite 84):

"Es ist wirklich erstaunlich, daß diejenigen, die unablässig von der Sprache und dem (gesprochenen) Wort oder gar von der "illokutionären Kraft" des Wortes sprechen, niemals die Frage nach dem Wort-Führer gestellt haben. Wenn die politische Arbeit im Wesentlichen eine Arbeit vermittles Worten ist, heißt das, daß die Worte dazu beitragen, die soziale Welt zu erzeugen. [...] In der Politik ist nichts realistischer als der Streit um Worte. Ein Wort an die Stelle eines anderen setzen heißt, die Sicht der sozialen Welt zu verändern und dadurch zu deren Veränderung beizutragen."

Zur Macht der Worte gehören, durch die technologisch bedingte mediale Vielfalt, heute selbstredend auch die Macht der Bilder, vielleicht heute mehr als die des Wortes und wenn dann in Kombination von Bild und Wort. Die Dimensionalität hat sich so vom Wort um die Ebene der Bilder massgeblich erweitert, d. h. in der Schriftsprache geprägte Bilder (Metaphern) und die visuell wahrnehmbaren Bilder bedingen und konstruieren sich wechselseitig. Der Kampf um die Macht der Bilder und Worte ist geprägt durch jene Akteure die im Besitz der ökonomischen Mittel sind.
Mit Hilfe der ökonomischen Mitteln werden sie Worte und Bilder ihrer Ideologie lancieren, z.B. die Energiekonzerne in Deutschland haben dies mit ihrem "energiepolitischen Appell" zur Atomenergie demonstriert. Die Atomlobby verfügt über die notwendigen ökonomischen Mittel zur Schaffung und Verbreitung der Worte und Bilder mit "pro Atomkraft prägender Sprache" in Form von Kampagnen, die durch alle erreichbaren Massenmedien (Zeitung, Fernsehen, Radio, internet etc.) verbreitet wurde, geschätzte Kosten für die Atomlobby ca. 1 Mio. Euro.
Wenn in sämtlichen Massenmedien die Herrschaftssprache an Raum gewinnt wird sie zur dominierenden prägenden Sprache aller Rezipienten (Nutzer) dieser Medien. Wenn Nutzer diese Sprache und deren Duktus unreflektiert, unwissend aufnehmen, erfüllt die Herrschaftssprache der neoliberalen Ideologie ihren Zweck. Dabei dient diese Sprache dazu jeden Rezipienten durch das angebotene Modell zu prägen, wodurch dessen eigenes denken und handeln beeinflusst werden kann, sofern der Rezipient den Duktus der Sprache nicht erkennt oder erkennen kann und ihn übernimmt. Deshalb sollte es die Pflicht eines jeden mündigen Demokraten sein andere aufzuklären oder zu informieren, über die Funktions- und Wirkungsweisen der vorherrschenden Herrschaftssprache.

Abschließend sei deshalb als Beispiel für die Veränderung des Bildungsbegriffs durch die neoliberale Herrschaftssprache im Folgenden der Denkanstoss Der Bildungsbegriff in der neoliberalen Denkfalle des "Instituts solidarische Moderne" von Hans Arold verlinkt:
http://www.solidarische-moderne.de/de/article/94.der-bildungsbegriff-in-der-neoliberalen-denkfalle.html

Empfehlungen für Einstiegsliteratur zur Macht der Sprache, durch die sich der Autor dieses Beitrags inspirieren ließ:

- Georg Lakoff / Elisabeth Wehling: Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht, Carl-Auer-Verlag, 2009
- Bourdieu, Pierre: Die verborgenen Mechanismen der Macht, VS-Verlag. 2005
- B
ourdieu, Pierre: Was heisst sprechen? Zur Sprache des ökonomischen Tausches, Braumüller, 2005 2Aufl..